ADVENTSKALENDER 7. Dezember: Der Baum

Der Baum
Eine Geschichte von Clare Dimond (https://claredimond.com )

Im Garten steht ein Baum. Er verkörpert den vollkommenen Ausdruck seiner selbst. Er ist einzigartig, unvergleichlich, außergewöhnlich. Der Baum ist einfach, wie er ist.

Im Haus ist eine Frau. Sie verkörpert den vollkommenen Ausdruck ihrer selbst. Sie ist einzigartig, unvergleichlich, außergewöhnlich. Sie vergleicht sich selbst mit anderen. Sie beschimpft und kritisiert sich selbst. Sie glaubt, dass sie anders sein sollte.

Im Garten steht ein Baum. Manchmal stoßen seine Wurzeln auf Stein. Manchmal treffen seine Zweige auf eine Ziegelmauer. Die Wurzeln umgehen anmutig den Stein, in Richtung des fruchtbaren Bodens. Die Zweige umgehen die Mauer mit Leichtigkeit, in den Raum, die Luft. Der Stein und die Mauer sind der Baum. Teil des Lebens, Teil des Wachstums.

Im Haus ist ein Mann. Manchmal trifft er auf eine Hürde. Die Hürde scheint etwas über ihn, seinen Wert oder seine Begabungen auszusagen. Er wünscht sich, die Hürde wäre nicht da. Die Hürde ist anstrengend.

Im Garten steht ein Baum. Seine Blätter und Blüten recken sich dem Licht entgegen, breiten sich aus, weit in die Luft, immer hin zum Unbekannten. Ständig, unaufhaltsam in Bewegung und sich verändernd, in die Richtung, die das Leben erfordert. Keinerlei Sicherheiten für irgendetwas. Keine Zukunft. Kein Vergleich mit dem Vorher.

Im Haus ist eine Frau. In ihr ist ein pulsierendes, lebendiges Verlangen nach Leben. Ein sinnlicher, fast unbändiger Drang hin zu dem, was sie liebt, etwas zu erschaffen, sich auszudehnen, nach Bewegung, Neugierde und Staunen. Sie fragt sich, ob sie es überhaupt verdient. Wird es Bestand haben? Wird es ihr Sicherheit geben? Wird sie versagen? Was werden die Leute sagen? Sie widersteht und hält sich zurück.

Im Garten steht ein Baum. Nirgendwo ein Ende des Baumes, nirgendwo ein Anfang des Gartens und der übrigen Welt. Der Baum umfasst alles. Alles.

Im Haus ist ein Mann. Nirgendwo ein Ende des Mannes, nirgendwo ein Anfang des Hauses und der übrigen Welt. Der Mann ist alles. Alles. Er hat es vergessen. Er fühlt sich abgekoppelt und klein. Er fühlt sich allein.

Im Garten steht ein Baum. Er könnte nicht vollkommener sein.

Im Haus sind ein Mann und eine Frau. Sie könnten nicht vollkommener sein. Das Leben könnte nicht vollkommener sein.

Manchmal sehen sie es nicht. Und auch das ist vollkommen.

 

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